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Abstraktes Relief aus dunklem Papier: ein Papierbogen mit genau fünf erhabenen Formen, durch feine Rillen zu einem Ablauf verbunden, die Raute ist orange

BPMN für Fachabteilungen: Prozesse lesbar modellieren

Fachabteilungen verstehen ein BPMN-Modell, wenn es mit fünf Symbolen auskommt, auf eine Seite passt und von einem Steckbrief und einer Arbeitsanweisung begleitet wird. Die Prozessmodellierung bleibt dann lesbar, und die Details stehen dort, wo man sie sucht.

7 min Lesezeit Beratung und Digitalisierung

Die Spezifikation von BPMN 2.0.2, die die Object Management Group (OMG) im Januar 2014 veröffentlicht hat, umfasst mehr als 500 Seiten. Für Fachabteilungen enthält sie selbst einen Hinweis, dass so viel nicht nötig ist: Neben dem vollen Sprachumfang definiert sie eine Teilmenge namens Descriptive, gedacht für Modelle auf hoher Ebene und für Leser, die bisher mit Flussdiagrammen gearbeitet haben. Tabelle 2.1 der Spezifikation listet für diese Teilmenge 24 Einträge auf, von Pool und Lane bis zu Zeit- und Nachrichtenereignissen.

Wer ein Modell für den Einkauf, den Kundenservice oder die Buchhaltung zeichnet, braucht noch weniger. Mit fünf Symbolen lässt sich der Ablauf zeigen; alles, was das Diagramm überfrachten würde, wandert in zwei Begleitdokumente. Wie aus einem fertigen Ablauf Software wird, in der Status und Übergänge im Code geprüft werden, steht unter Zustandsautomaten: Statusabläufe in Software sauber modellieren.

Ein Holzbaukasten mit nur fünf Grundformen, Kreis, Quader, Raute, Pfeil und Leiste: damit lässt sich fast jeder Ablauf legen, die orange Raute ist die Entscheidung.

Notation

BPMN in fünf Symbolen

Die folgenden fünf Symbole stammen aus Tabelle 7.1 der Spezifikation, den Grundelementen der Notation. Mit ihnen lässt sich fast jeder interne Ablauf zeigen, der durch eine Abteilung oder durch zwei bis drei Abteilungen läuft.

  1. Ereignis (Kreis): markiert Anfang und Ende. Ein Startereignis hat eine dünne Linie, ein Endereignis eine dicke. Beschriften Sie beide mit einem Zustand: „Reklamation eingegangen“, „Gutschrift versendet“.

  2. Aufgabe (abgerundetes Rechteck): ein Arbeitsschritt, den eine Person oder ein System erledigt. Beschriftet mit Verb und Objekt: „Reklamation prüfen“, nicht „Prüfung“.

  3. Exklusives Gateway (Raute): eine Entscheidung, bei der von mehreren Ausgängen genau einer genommen wird. Die Spezifikation erlaubt die Raute mit oder ohne X-Markierung; legen Sie sich auf eine Form fest. Schreiben Sie an die Raute eine Frage („Ware beschädigt?“) und an jeden ausgehenden Pfeil eine Antwort.

  4. Sequenzfluss (durchgezogener Pfeil): zeigt die Reihenfolge der Schritte. Er läuft nur innerhalb eines Pools.

  5. Lane (Bahn): ein waagrechter oder senkrechter Streifen je Rolle, etwa Kundenservice, Lager, Buchhaltung. Jede Aufgabe liegt in der Bahn derjenigen Rolle, die sie erledigt.

Weitere Elemente kommen erst hinzu, wenn ein Ablauf sie braucht. Nachrichtenflüsse zwischen Organisationen, parallele Gateways, Zeitereignisse und Unterprozesse werden dann beim ersten Auftreten einmal erklärt. Braucht ein Diagramm bei der ersten Durchsicht eine Legende, enthält es für eine Fachabteilung zu viele Symbole.

Detailtiefe

So viel wie nötig, auf einer Seite

Ein Modell ist detailliert genug, wenn jemand aus der Abteilung den Ablauf daran nacherzählen kann, ohne nachzufragen, wer als Nächstes dran ist. Feiner wird es auf anderen Ebenen. Hilfreich ist eine Trennung in drei Stufen:

  • Übersicht: welche Prozesse es gibt und wie sie aneinanderhängen, als Liste oder Prozesslandkarte, ohne BPMN-Details.

  • Ablauf: ein BPMN-Diagramm je Prozess, mit Rollen in Bahnen, Entscheidungen und Ergebnis.

  • Handgriffe: welche Maske geöffnet, welches Feld ausgefüllt, welche Vorlage verschickt wird. Das gehört in die Arbeitsanweisung, nicht ins Diagramm.

Als Daumenregel gilt: Ein Diagramm hat höchstens 15 bis 20 Aufgaben und passt auf eine Bildschirmseite, ohne dass die Schrift kleiner als der Fließtext wird. Die Grenze ist keine Norm, sie folgt aus der Lesbarkeit; was darüber liegt, lässt sich als zusammengeklappter Unterprozess mit eigenem Diagramm herauslösen.

Zwei Prüfungen helfen vor der Freigabe. Erstens lesen Sie das Modell einer Person aus der Abteilung vor, die nicht mitgezeichnet hat, und notieren jede Rückfrage. Zweitens zählen Sie die Wege vom Start zu einem Ende: Jeder Ausgang eines Gateways muss bei einem Endereignis ankommen, sonst hängt im Modell ein Fall, den in der Praxis jemand per Zuruf löst.

Begleitdokumente

Steckbrief und Arbeitsanweisung zum Modell

Das Diagramm zeigt den Fluss. Wer verantwortlich ist, welche Daten hereinkommen und hinausgehen und auf welcher Vorgabe ein Schritt beruht, steht besser in einem Steckbrief. Was eine Person an ihrem Arbeitsplatz konkret tut, steht in der Arbeitsanweisung. Jede der drei Unterlagen beantwortet eine andere Frage, und keine ersetzt die andere.

Diese Aufteilung haben wir in einem längeren Beratungsmandat für einen großen deutschen Versicherer durchgehend genutzt. Zu jedem Prozess entstanden ein BPMN-Diagramm, ein Steckbrief, der Verantwortlichkeiten, Eingaben und Ausgaben pro Prozessschritt benennt, und eine Arbeitsanweisung, die ein neuer Mitarbeiter ohne Vorwissen lesen konnte. Fehlt eine der drei Unterlagen, füllt im Betrieb wieder mündliches Wissen die Lücke.

Die Vorlage unten ist ein Ausgangspunkt für einen Steckbrief. Füllen Sie sie für jeden modellierten Prozess aus und legen Sie sie neben das Diagramm.

Die Felder Version, Stand und Nächste Prüfung halten den Steckbrief zusammen mit dem Diagramm aktuell.

process-profile.txt text
PROZESS-STECKBRIEF

Prozess:              Reklamation bearbeiten
Prozess-ID:           KS-04
Version / Stand:      1.2 / (Datum)
Verantwortlich:       Leitung Kundenservice (Name)
Vertretung:           (Name)

Auslöser:             Reklamation per Formular, E-Mail oder Telefon
Ergebnis:             Gutschrift, Ersatzlieferung oder begründete Ablehnung
                      an den Kunden versendet

Rollen (Bahnen):      Kundenservice, Lager, Buchhaltung
Systeme:              Ticketsystem, Warenwirtschaft, Buchhaltung

Schritt | Rolle          | Eingabe                 | Ausgabe
1       | Kundenservice  | Reklamation, Belegnr.   | Ticket mit Kategorie
2       | Lager          | Ticket, Rücksendung     | Prüfvermerk
3       | Kundenservice  | Prüfvermerk             | Entscheidung
4       | Buchhaltung    | Entscheidung Gutschrift | Gutschrift gebucht

Entscheidungen:       Ware beschädigt? Frist eingehalten? Betrag über Freigabegrenze?
Vorgaben:             Gewährleistungsfristen, interne Freigaberichtlinie (Fundstelle)
Ausnahmen:            Großkunden mit Rahmenvertrag: Schritt 3 durch Vertrieb

Kennzahl:             Tage von Eingang bis Ergebnis (Ziel: höchstens 5)
Arbeitsanweisungen:   AA-KS-04-1 Ticket anlegen, AA-LG-02 Rücksendung prüfen
Diagramm:             KS-04_reklamation.bpmn

Nächste Prüfung:      (Datum) oder früher bei Änderung von System/Vorgabe
Änderungen:           1.2 Freigabegrenze ergänzt (Leitung Kundenservice)

Werkzeuge

Werkzeuge und Ablage

Das Werkzeug ist zweitrangig, solange es BPMN 2.0 als Datei speichern kann, die ein anderes Werkzeug lesen kann. Die Spezifikation definiert dafür ein XML-Format mit Angaben zur Darstellung (BPMN DI); damit lässt sich ein Modell von einem Werkzeug ins nächste mitnehmen. Einige Optionen:

  • Camunda Modeler: eine Desktop-Anwendung für BPMN, DMN und Formulare, deren Quellcode unter MIT-Lizenz steht. Er ist für Modelle gedacht, die später auch ausgeführt werden sollen, eignet sich aber ebenso für reine Dokumentation.

  • bpmn.io: die von Camunda gepflegte Web-Bibliothek bpmn-js, mit einer Demo, in der Sie Diagramme im Browser anlegen, öffnen und als BPMN-Datei speichern. Die Lizenz erlaubt die freie Nutzung, verlangt aber, dass das bpmn.io-Wasserzeichen sichtbar bleibt.

  • draw.io: bringt eine BPMN-2.0-Formbibliothek mit. Das reicht für Skizzen; ob sich eine Zeichnung als BPMN-Modell in andere Werkzeuge übernehmen lässt, prüfen Sie vor dem ersten größeren Modell.

  • ADONIS der BOC Group: eine Suite für Prozessmanagement, deren Dokumentation die Modellierung vollständig auf BPMN stützt und den Import und Export von Diagrammen als BPMN-Datei über BPMN DI beschreibt.

Welches Werkzeug in eine bestehende Systemlandschaft passt, ist eine Frage der Reife und der Abhängigkeit vom Anbieter; die Kriterien dafür stehen unter Best of Breed: Was hinter dem Schlagwort steckt. Für die Ablage gilt unabhängig vom Werkzeug: ein Ort für alle Modelle, ein fester Dateiname je Prozess-ID, Diagramm und Steckbrief im selben Ordner, und keine Kopien in E-Mail-Anhängen, die nach dem dritten Weiterleiten niemand mehr zuordnen kann.

Nach dem Projekt

Damit Modelle nicht veralten

Ein Prozessmodell veraltet in dem Moment, in dem sich ein System, eine Vorgabe oder eine Zuständigkeit ändert und niemand das Diagramm anfasst. Drei Felder im Steckbrief verhindern das: ein Name als Verantwortliche Person, eine Versionsnummer mit Datum und ein Termin für die nächste Prüfung.

Sinnvolle Anlässe für eine Prüfung außer der Reihe sind ein neues System im Ablauf, eine geänderte gesetzliche oder interne Vorgabe, eine neue Rolle und wiederholte Rückfragen von neuen Mitarbeitern. Bei der Prüfung lesen Sie Diagramm, Steckbrief und Arbeitsanweisung gemeinsam, weil eine Änderung selten nur eine der drei Unterlagen betrifft.

Soll ein Modell später Grundlage für eine Software sein, lohnt der Aufwand doppelt: Ein gepflegter Ablauf mit benannten Entscheidungen lässt sich in Anforderungen übersetzen, ohne dass der Prozess in Workshops neu erhoben wird. Welche Abläufe sich zuerst für eine digitale Umsetzung anbieten, ordnet Prozesse digitalisieren: Mit welchem Prozess anfangen? ein; für die Umsetzung selbst finden Sie auf der Seite zur Digitalisierung von Geschäftsprozessen unser Angebot.

Rückfragen aus dem Fachbereich

Häufige Fragen

  • BPMN steht für Business Process Model and Notation, eine Notation für Geschäftsprozesse, die die Object Management Group als Standard pflegt. Die Version 2.0.2 erschien im Januar 2014. Sie legt fest, wie Symbole aussehen und was sie bedeuten, und definiert ein Dateiformat, mit dem Modelle zwischen Werkzeugen ausgetauscht werden.

  • Für den Einstieg reicht ein Werkzeug, das BPMN-2.0-Dateien speichert und öffnet, etwa der Camunda Modeler oder die Browser-Demo von bpmn.io. Arbeitet eine größere Organisation mit vielen Modellierern, kommen Suiten mit gemeinsamem Ablageort und Freigaben wie ADONIS infrage. Prüfen Sie vor der Wahl den Export als BPMN-Datei, damit die Modelle nicht an ein Werkzeug gebunden sind.

  • Nein. Ein Modell hilft bei Abläufen, an denen mehrere Rollen beteiligt sind, die Fehler oder Rückfragen erzeugen oder die in Software umgesetzt werden sollen. Ein Ablauf, den eine Person allein und gleichbleibend erledigt, ist mit einer kurzen Arbeitsanweisung ausreichend beschrieben.

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